Arbedo-Castione

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Ursprünge

Ursprünge

Historischer Rückblick auf den Zusammenschluss von Castione und Arbedo im Jahr 1820

Das Thema des Zusammenschlusses von Castione mit Arbedo ist reich an Ereignissen und Überraschungen. Um das Klima, in dem sich diese Fakten zugetragen haben, besser verstehen zu können, ist es notwendig, auf die zwei Jahrhunderte vor dem Zusammenschluss zurückzublicken.

Bis 1599 galten Lumino und Castione, seit jeher Nachbarn, als vereint, es gab folglich nur einen Konsul und eine Kirchengemeinde und bei den Versammlungen der Grafschaft in Bellinzona wurden sie von nur einer Person vertreten.

Die ersten Zeichen einer möglichen Trennung von Lumino und Castione, ergaben sich aus dem Urteil vom 13. September 1599, aufgesetzt in "Schwyzerdütsch", in dem folgende Zugeständnisse gemacht wurden: "die Trennung sowohl in den Bergen als auch in der Ebene, an allen Orten, sodass einjeder seinen Teil des guten Landes als auch des schlechten Landes erhält, und nachdem die Aufteilung erfolgt ist, wird das Los gezogen“. Die Aufteilung hat jedoch nie stattgefunden, wahrscheinlich aufgrund eines Urteils von 1862, in dem nicht nur die Aufteilung nicht akzeptiert wurde, nach der Castione nur ein Drittel des Landes und Lumino zwei Drittel des Landes erhalten sollte, sondern in dem ausserdem geschrieben steht; “sie sind hiermit verpflichtet auf dem bisherigen alten Stand zu verbleiben, und so weiterzumachen, wie in der Vergangenheit, bis in die Gegenwart“ , dies bedeutete, ohne Aufteilung der Ländereien. Der Grund für die Anfrage, die von Castione gestellt wurde, ist die Armut, in der sich die Gemeinde befand.

Im Jahr 1865 gibt es ein Urteil zur Auszahlung der Steuern vom leitenden Kommissar Basler, leider fiel dieses Urteil zum Nachteil von Castione aus. Letztendlich wurden die aufzubringenden Kosten so aufgeteilt, dass Castione einen Teil und Lumino zwei Teile zu bezahlen hatten. Lumino jedoch hatte das Privileg, die Hälfte der Steuern der geschätzten Ländereien von Castione einzutreiben, Castione jedoch hatte dieses Privileg für die Ländereien von Lumino nicht. Betrachtet man ausserdem die Schätzungen der Grundstücke von Castione, kommen einem Zweifel, dass der Wert der Grundstücke erhöht wurde, um auch die Steuereinnahmen erhöhen zu können. Gab es 1606 in Lumino nur einen Gemeindepfarrer, der als Kaplan ebenfalls für die Kirche Sankt Gotthard und Nicolao von Castione zuständig war, so setzten sich im Jahr 1623 28 Einwohner von Castione mit Schenkungen dafür ein, einen ständigen Pfarrer anstellen zu können. Sie erreichten dies erst im Jahr 1626. Der Wille einem eigenen Gemeindepfarrer zu haben, verdeutlicht den Wunsch nach Unabhängigkeit. An diesem Punkt kommt es zu einer Trennung der Verwaltung und der Kirchengemeinde, nicht jedoch der Ländereien, und genau dies führte zu bitteren Kämpfen zwischen Arbedo, Castione und Lumino.

Das Jahr 1798 bedeutet das Ende der antiken Konföderation und die Geburt der Schweizer Republik. Im Laufe dieser Jahre würden die französischen Truppen, dann die kaiserlichen, erneut die französischen und letztendlich die italienischen Truppen die Ländereien von Castione überquerten und auf ihnen lagerten. Für jeder Armee müssen die Gemeinden Essen und Vorräte bereitstellen, ausserdem erleiden sie erhebliche Schäden, wie zum Beispiel den Diebstahl von Tieren oder Pfählen der Weinberge (das vermutlich als Brennholz verwendet wurde), ausserdem kommt es zur Beschlagnahme von Gütern im Wert von 3700 Mailänder Lire (der Tageslohn eines Schreibers betrug 2 Mailänder Lira). Diese Missbräuche zwingen die Bevölkerung dazu, sich Geld zu leihen, was ihnen nur zu hohen Zinsen und mittelfristig gewährt wird (4 1/2 - 5%), diese Darlehen wurden danach ständig erneuert. Auch Franscini wies darauf hin: „die Tessiner Bezirke haben sich stark verschuldet aufgrund der Unruhen und der Anarchie, die über Jahre andauerten und aufgrund der Versorgung der Heere“.

Die Armut war ein wiederkehrender Aspekt, was den Gran Consiglio im Jahr 1806 dazu bewegte ein Gesetz zu erlassen, das den Kauf der unbebauten Grundstücke erlaubte, deren Verkauf bis dahin nicht erlaubt gewesen war. Die Lage verschlechtere sich noch zusehens aufgrund einer Hungersnot in den Jahren 1816/17, was die Gemeinden dazu zwang, weiter Darlehen aufzunehmen, um Getreide für den ärmsten Teil der Bevölkerung zu kaufen. In diesem Moment und bei diesem Klima kam es zur Vereinigung von Castione und Arbedo. In der Ausgabe vom 30.11.1810 der Beschlüsse der Gemeindeversammlung von Arbedo steht geschrieben; “während der Versammlung wurde mitgeteilt, dass die Gemeinde von Castione zwei Delegierte zur Gemeinde von Arbedo geschickt hat und darum gebeten hat, sie zu akzeptieren und anzuschliessen. Die Versammlung hat einstimmig beschlossen, dies zu akzeptieren und sie an unsere Gemeinde anzuschliessen, durch die Erstellung eines Abkommens, und zu diesem Anlass wurde die Gemeinde damit betraut, dieses Abkommen zu verhandeln, zuerst jedoch sollte dies in der Versammlung vorgetragen werden“. Hier sei gesagt, dass die Wirtschaftskammer des Distrikts von Bellinzona, die den Besitz der ehemaligen Grafschaft verwaltete, in jenen Jahren das Weiderecht und die Ablöse von Grundstücken in Castione an Bewohner von Arbedo vergab, was den Grundbesitzern von Castione schadete. Am 5. Januar 1817, bei einer Versammlung der Patrizier von Castione (Bürgermeister Giuseppe Del Vill) und am 2. November desselben Jahres (Bürgermeister Pietro Vanzetta) wurde eine Antwort auf die Frage gesucht, wie Castione dem enormen Schuldendruck Stand halten könne. Es wurde deshalb ein Gesuch aufgesetzt, das an den Staatsrat und an die Gemeinde Arbedo gerichtet war, in dem man die Fusion mit dieser Gemeinde erbat. Die Gemeinde Lumino hatte im selben Jahr unbewirtschaftete kommunale Grundstücke an seine Bewohner vergeben. Am 24.5.1818 prüft die Gemeindeversammlung von Arbedo das von Gottardo Longhi und Giuseppe Del Vill eingereichte Gesuch. Vier Tage später lässt der Staatsrat wissen, dass er sich dieser Fusion nicht widersetzen wird. Sofort, am 21. Juni 1818, nachdem sie sich eingehend über die Schulden von Castione informiert haben, lässt die Gemeindeversammlung von Arbedo wissen „ mit einer Mehrheit der Stimmen, fast einstimmig, gibt die Versammlung der Stadtverwaltung die Befugnis, auf die Anfrage zu reagieren, zu verhandeln und darüber zu entscheiden, sowohl was ein Zustimmung, als auch was eine Ablehnung der Anfrage von Castione betrifft.“

Mit dieser Befugnis nimmt die gesamte Gemeindeverwaltung von Arbedo an der offiziellen Aggregation von 1820 teil. Hierbei ist zu beachten, dass die Bewohner von Arbedo eine enorme Menge an Ländereine auf dem Grund der Gemeinde Castione besassen (ca. 90'000 mq). Am 26. April 1820 hat die Versammlung der Patrizier von Castione ein einstimmig beschlossenes Gesuch erstellt, das an die Gemeinde von Arbedo gerichtet war “alle diese Patrizier und ihre Nachfolger sollen als ihre Brüder willkommen geheissen werden, und sie sollen sich mit unserer Gemeinde verbinden und angliedern, sodass von heute an die Gemeinden von Arbedo und Castione eine einzige Gemeinde seien, eine Versammlung und ein Territorium”.

Die Versammlung beauftragte wiederum Gottardo Longhi und Giuseppe Del Vill, und übertrugen ihnen volle Autorität und Befugnis. Zu beachten ist, dass der Bürgermeister Del Vill Analphabet war und mit dem Familienwappen unterschrieb, Longhi hingegen war Gutsbesitzer, ein reicher Grundbesitzer, wahrscheinlich auch mit Bildung. Das ihnen übertragene Mandat sollte also etwas legalisieren, das bereits beschlossen war, als sie am darauffolgenden Tag beim Notar Cusa in Bellinzona vorstellig wurden, um die notarielle Urkunde zu unterschreiben.

Im Mandat von Castione werden die Gründe für den Zusammenschluss erklärt. In demselben wird daran erinnert, dass “man eine niedrige Einwohnerzahl hat, ebenso wie kommunale Ressourcen, man ist voller Schulden und in Folge dessen nicht mehr in der Lage, für sich selbst aufzukommen“. Von der kantonalen Volkszählung von 1808 kennen wir folgende Einwohnerzahlen;

Castione   hatte          40 Einwohner
Arbedo     hatte          391 Einwohner
Lumino     hatte          334 Einwohner.

Bei der kantonalen Volkszählung von1824 waren es;
in Arbedo-Castione    561 Einwohner
in Lumino                      384 Einwohner.

Als Franscini über Castione sprach, stellte er fest: “es gibt in den tiefen Gebieten des Ticino e der Moesa unbewirtschaftete und sumpfige Grundstücke, im Sommer werden die Bewohner vom Fieber heimgesucht“. Es darf ausserdem nicht vergessen werden, in welcher Position sich Castione befindet, leichte Beute von Überschwemmungen des Ticino und der Moesa.

Der Akt der Aggregation wird von den Mandaten der beiden Versammlungen und auf Anfrage der Gesandten von Castione eingeführt. Darauf folgen die Gründe – von der Gemeinde von Arbedo bereits 1818 definiert – aus denen die Zustimmung zum Zusammenschluss hervorging, mit der Bemerkung zu Beginn, dass “obwohl wir festgestellt haben, dass die Einkünfte der eigenen Gemeinde in Proportion weit höher sind als die der wenigen Einwohner von Castione, und dazu noch die sehr beachtlichen Schulden, die Castione mitbringt.”

Im Dokument folgen im Weiteren die Annahmeerklärung seitens der Gemeinde Arbedo und es endet mit 11 Punkten, die Teil des unterzeichneten Abkommens sind. Fasst man den Inhalt dieses Abkommens zusammen, kann man sagen, dass die beiden Gemeindeverwaltungen zu einer einzigen verschmolzen und es keine Grenzen mehr zwischen den beiden Gemeinden gab.
Lumino leistet energischen Widerstand gegen die Aggregation, denn da es verschiedene Grundstücke gemeinsam mit Castione besitzt, hätte es damit Nachteile. Die Gemeindeversammlung und die Verwaltung hätten Sitz in Arbedo, aber Castione stellte die ständige Präsenz eines Vertreters im Rathaus sicher, sowie einen Feldwächter, der damit beauftragt war, die Bürger im Falle einer Versammlung zu verständigen. Die Patrizier von Castione wurden mit denen von Arbedo vereint und diese Patrizier und ihre Nachkommen hätten dieselben Privilegien. Insgesamt handelte es sich um 11 Männer. Auf der einen Seite wurde ihnen das Recht garantiert, ihre Herden auf den gemeinsamen Ländereien zu weiden, auf der anderen Seite hätte auch Arbedo die Besitztümer von Castione nutzen können, das heisst, die Ländereien, die nicht gemeinsam mit Lumino genutzt wurden, was Grund für schwerwiegende Streitigkeiten war.

Es gab herftige Streitigkeiten über die Liste der Patrizier und dies war einer der Gründe, der von Lumino aufgeführt wurde, um gegen die durchgeführte Vereinigung Widerstand zu leisten. Drei Punkte betrafen die Kirche. In Castione wurden die Rechte anerkannt, die seit der Entstehung der Kirchengemeinde im Jahr 1626 galten. Es wurde sogar das Verbot die Tenza abzuschaffen bestätigt, dies war bereits in unzähligen Bekanntmachungen von Castione und Lumino enthalten, was von grundlegender Bedeutung für die Integrität und die Sicherheit der bewohnten Gebiete von Castione war. Am 16. Juli 1820 wurde die Urkunde bezüglich der Vereinigung vor dem Zirkel und dem Gran Consiglio verlesen, aber es gab keine weiteren Einwände. Grosse Aufregung jedoch gab es in Lumino, das einen langen Kampf zur Annullierung der Vereinigung beginnt. Im Juni 1821 beginnt Lumino eine Petition zu diesem Thema beim Gran Consiglio einzureichen. Die Opposition gründet auf der Tatsache, dass die Ländereien der Patrizier von Lumino und Castione nicht getrennt waren, mit der Vereinigung hätten die Patrizier von Arbedo das Weiderecht auf den gemeinsamen Ländereien gehabt, umgekehrt jedoch nicht. Um zu einer Einigung zu gelangen, akzeptieren Arbedo-Castione und Lumino die Vermittlung der Anwälte Giovan Battista Bonzanigo und Giovanni Mariotti, die am 24. September 1822 ihren Schiedsspruch verkünden. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei der Vereinigung um eine politische und verwaltungstechnische Verbindung handelt, mit Zustimmung des Gran Consiglio, wird diese vom Schiedsgericht bestätigt, es wird beschlossen, dass Arbedo weiterhin das Ausübungsrecht auf das gemeinsame Eigentum hat, wie in der Vergangenheit, und Castione muss alles Eigentum, das es mit Lumino gemeinsam hat, trennen. Der Schiedsspruch, der auch im Jahr 1829 vom Berufungsgericht bestätigt wird, setzt jedoch den Streitigkeiten kein Ende. Die Protokolle der Gemeindeversammlungen, sowie die Buchhaltung, sind voll von Anmerkungen, die die Bereitschaft aller zeigen, weiterhin ständig zu klagen. Diesbezüglich sollte darauf hingewiesen werden, nicht wieviel ausgegeben wurde, um die Schulden von Castione zu begleichen, sondern wieviel ausgegeben wurde, um die durchgeführte Vereinigung von den verschiedenen Behörden bestätigen zu lassen. Passend sind die Anmerkungen von Bonstetten, die auch von Franscini berichtet wurden, um die Situation zusammenzufassen: ”Diese Personen haben nie Geld für die notwendigen Dinge, nicht für den Arzt, nicht für die Schulen, nicht um den Armen zu helfen (…) nur um zu streiten sind sie reich" 

Die Eingliederung scheint allerdings nicht die erwarteten Nutzen zu bringen, wenn bereits im Jahr 1840 beginnt Castione mit den Versuchen, sich von Arbedo zu trennen und sich mit Lumino zusammenzuschliessen, diese Versuche kommen zu einem Höhepunkt, als Castione am 30. April 1851 eine Petition beim Staatsrat einreicht; die Gründe dafür sind immer noch die Nutzung der Ländereien der Patrizier. Lumino ist natürlich über diese Anfragen informiert und bietet den Einwohnern von Castione Vergünstigungen an, sollten sie die Verantwortung für die Trennung von Arbedo auf sich nehmen.

Auch wenn der Staatsrat dem Gesuch der Aufhebung der Aggregation von Castione und Arbedo wohlwollend gegenübersteht, die Kommission des Gran Consiglio “möchte alle unwichtigen Erwägungen zurückweisen”, um dann hinzuzufügen “an die Partei der politischen Gerechtigkeit” und bestätigte, dass “sollte es je einen Moment gegeben haben, in dem die Vereinigung von Castione und Arbedo günstig und angemessen war, dann dieser, da der Streit zwischen Arbedo und Lumino sehr herftig ist (…) Wenn die Einwohner von Castione im Jahr 1820 beim Zusammenschluss mit Arbedo zufrieden waren, dann sollten sie heute noch zufriedener sein“. Als die Diskussion im Gran Consiglio eröffnet wird, ergreift niemand das Wort. Bei der Abstimmung stimmen 11 Abgeordnete für das Gesuch, die grosse Mehrheit jedoch (es waren 92 Abgeordnete anwesend) weist das Gesuch ab. Dem folgen weitere Schiedsurteile, aber im Juli 1863, nach 43 Jahren des Kampfes, beschliessen Lumino, Arbedo und Castione, dass der Frieden notwendig ist und sie einigen sich auf die Einführung von Grenzen zwischen den Gemeinden, Grenzen, die zwei Jahre später festgelegt werden.